Kurzgeschichte zum Weißen Dinner in Hamburg

Abend in Weiss

Kurzgeschichte aus Hamburg

Seit Wochen habe ich mich schon auf das Wochenende bei Pia in Hamburg gefreut. Endlich mal raus aus meiner Kleinstadt. In Plau ist es zwar nett zu leben, aber es ist eben doch manchmal etwas langweilig. Pia und ich kannten uns schon aus dem Kindergarten und obwohl sie schon seit acht Jahren in Hamburg lebt, ist unser Kontakt nie abgebrochen.

Das Wetter am Wochenende sollte ja nochmal richtig schön werden. Also packte ich mein gelbes Sommerkleid ein und dazu ein paar High-Heels in türkis. In Hamburg kann man sich immer so schön "aufbrezeln" - anders als in Plau, wo man sofort auffällt.
Pia holte mich gut gelaunt vom Bahnhof ab und mit der U-Bahn sind wir dann schnell bei ihr zu Hause in Eimsbüttel gelandet. Auch wenn wir uns länger nicht gesehen haben, jedes Mal ist es, als hätten wir uns vor Kurzem noch getroffen. Ich fühlte mich gleich rund um wohl. Das Wetter spielte zum Glück auch mit. Bei Pia konnten wir gemütlich auf dem Balkon sitzen und das bunte Treiben auf der Schopstraße betrachten. Ach, es war einfach wunderschön lebendig hier. Wir hatten uns viel zu erzählen. Pia öffnete gleich einen Prosecco. Dazu gab es herrliche Tapas, die Pia selber machte. beim Blick über den Balkon fiel mir auf einmal auf, dass sämtliche parkende Autos abgeschleppt wurden, eins nach dem anderen, bis kein einziges mehr dastand. "Oh, gut, dass ich mit der Bahn gekommen war", dachte ich bei mir. Pia schenkte noch einmal Prosecco nach und wir kamen mal wieder auf dei alten Geschichten aus der Kinderzeit zu sprechen - immer wieder schön und von mal zu mal etwas mehr ausgeschmückt.
"Was bauen die denn da unten alles auf?", fragte Pia erstaunt. "Haben die hier die Straße gesperrt? Drehen die wohlmöglich einen Film hier?" Pia beugte sich über de Balkon und versuchte sich ein Bild von der Straße, in der sie wohnte, zu machen. "Die bringen alle Stühle und Tische mit", sagte ich. "Und große Taschen und Körbe. Das habe ich hier noch nie gesehen", stellte Pia fest. Wir unterhielten uns weiter und verfolgten nebenbei gespannt, was sich wohl noch so auf der Straße unter unserem Balkon abspielte. Es kamen immer mehr Leute, alt und jung, zum Teil auch ganze Familien. Und sie hatten eines gemeinsam: Alle waren weiß gekleidet! "Sag´ mal Pia, könnte das eine Sekte sein", fragte ich Pia verunsichert. "Glaub´ ich nicht ", antwortete Pia. "Aber die müssen sich doch irgendwie abgesprochen haben. Oder habe ich den Hamburger Sommer-Trend total verpasst?". "Ich hab´ jedenfalls nichts in weiß zum Anziehen mit." "Ich könnte dir ja was leihen", scherzte Pia. "Aber warum alles in weiß?", fragte Pia nachdenklich. "Guck mal, es wird sogar alles weiß eingedeckt: weiße Tischtücher, weißes Geschirr, weiße Servietten, weiße Kerzen und sogar weiße Lilien. Vermutlich essen sie auch nur weißer Baisser, Quarkdessert, Camembert und Philadelphia-Torte", sagte ich lachend. So weit ging es allerdings nicht. Die Speisen, die dort auf den Tischen hübsch angerichtet waren, sahen von hier oben sehr bunt und auch sehr appetitlich aus. Salate, Gemüse-Quiche, leuchtend rote Schalentiere, exotisches Obst, Käse und raffinierte Desserts mit Früchten. Außerdem standen dort Wein- und Sektflaschen neben den Kristallgläsern. Die Straße verwandelte sich immer mehr in ein feines Restaurant unter freiem Himmel.
Dinner in Weiss Hamburg, weißes dinner, dinner en blancEs war ein herrlicher Sommerabend und ich hatte das Gefühl irgendwo im Süden zu sein, zum Beispiel in Frankreich. Da fiel es mir ein: Ich hatte von einem weißen Dinner in Paris schon mal gehört. Plötzlich klingelte es an unserer Tür. Als wir öffneten, standen dort zwei Mädels. "Ich brauche mal schnell eine Toilette, hab´ mir den Rotwein über mein weißes Kleid geschüttet", sagte eine der beiden. "O.K., kommt rein", sagte Pia. Der Besuch verschwand eine ganze Weile im Bad. Enttäuscht kamen die Mädels wieder raus. "Das Kleid ist vollkommen ruiniert", jammerten beide. "Na dann, müssen wir uns eben etwas einfallen lassen", sagte Pia. "Wir sind Pia und Anja". "Sarah und Anette", antworteten die zwei erleichtert. So viele Weiße Sachen habe ich zwar nicht, aber ich kann gut improvisieren. Alles, was weiß war, landetet auf dem Fußboden im Wohnzimmer: Sämtliche Klamotten, Tischdecken, Bettlaken und Handtücher. Pia war eine Künstlerin. Sie formte Hüte aus Servietten, Kleider aus Laken und Tüchern, die sie geschickt raffte und feststeckte. Nebenbei gönnten wir uns noch ein Fläschchen Prosecco. 
Dann nahmen wir die Tapas und setzten uns an den von Anette liebevoll gedeckten Tisch direkt unter unserem Balkon. Sarah hatte sehr gut gekocht und wir hatten einen wunderschönen Abend - ganz in weiß und ganz spontan. Im nächsten Jahr wollen wir vier wieder dabei sein - allerdings ohne Rotwein. 





Autor: S.H. 


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