Kurzgeschichte aus der Hamburger Speicherstadt

Hafenspaziergang mit Folgen

Kurzgeschichte aus Hamburg

Bei Nacht ist der Hafen beinahe verlassen. Man vergisst, dass noch vor ein paar Stunden Tausende von Touristen jeden Winkel bevölkert haben. Jetzt sind die meisten nach Hause gefahren oder sie sitzen noch bei einem Glas Wein und ein paar Tapas im Portugiesenviertel.
Tobias liebt diese einsame melancholische Stimmung. Der Wind rauscht über die Elbe und das Ächzen und Quietschen der schaukelnden Schiffe klingt so schön zeitlos. "Der König der Löwen" hat seine Pforten geschlossen und die letzten Fischbrötchen wurden für die Hälfte verkauft. Der Hafen ruht. Die Lichter der Louisiana Star leuchten unter einem atemberaubend weiten Himmel im Licht der so genannten blauen Stunde. Um diese Zeit unternimmt Tobias seinen Abendspaziergang. Er lässt Schritt für Schritt den Tag Revue passieren und kommt langsam zur Ruhe.
Als Tobias die Hafenpromenade hinter sich lässt, überquert er die Brücke zur alten Speicherstadt. Auf unzähligen längst vergessener Spuren des alten Kopfsteinpflasters taucht er in die ursprüngliche Welt der Pfeffersäcke ein. Hier liegt der Handel aus Übersee noch in der Luft - Tee, Kaffee, Gewürze, Teppiche. Weit gereiste Kostbarkeiten aus sämtlichen Teilen der Welt kommen hier für eine Weile zusammen und landen schließlich vielleicht sogar im eigenen Wohnzimmer oder in der Küche.

Hamburg Dungeon
Ein schriller Schrei reißt Tobias aus seinen Gedanken und führt ihn zum Hamburger Dungeon. Hier ist ein Schrei sicher nichts Ungewöhnliches. In Hamburgs berühmtesten Gruselkabinett sind Schreie ein Geräusch, das normalerweise großes Gelächter hervorruft. Doch wer schreit hier um diese Zeit? Der Touristenmagnet ist längst geschlossen. Tobias verkrampft sich und wagt vorsichtig einen Blick durch die Fenster. Er sieht nichts. "Jetzt wären ein paar Touristen nicht schlecht", denkt er, aber es ist niemand zu sehen. Aus der Ferne hört er ein gleichmäßiges Klopfen. Es kommt allmählich näher und Tobias erkennt einen Mann, der einen Blindenstock bei sich hat. "Vielleicht ein Mitarbeiter aus dem´Dialog im Dunkeln`, denkt sich Tobias. "Hier aus dem Dungeon ist ein schrecklicher Schrei gekommen", ruft ihm Tobias zu. "Ich weiß, antwortet ihm der Mann mit dem feinen Gehör. "Ich habe es auch gehört und wollte mal nachschauen, was hier los ist". "Karsten, mein Name". "Tobias". Er wundert sich, wie sicher Karsten seine Hand findet. Der blinde Mann geht zum Hintereingang und öffnet vorsichtig ein Gitter, hinter dem gruselige Masken zum Vorschein kommen. Karsten ertastet neben einem Gesicht voller Pockennarben den Fenstergriff und öffnet das Fenster. "Los, lass´uns reingehen", fordert er Tobias auf. Tobias ist beinahe so blass geworden, wie die entstellten Gesichter auf der Fensterbank. "O.K.", bringt er notgedrungen hervor. Karsten klettert geschickt wie ein Artist in das dunkle Gemäuer und Tobias bleibt beim Einsteigen ins Fenster mit seiner Hose an einem rostigen Nagel hängen. "Au". "SSSST, nicht so laut", fährt ihn Karsten verständnislos an. "Halt dich an meinem Arm fest, sonst stolperst du womöglich bei der nächsten Gelegenheit", schlägt Karsten vor. Tobias lässt sich von Karsten durch mehrere Gänge immer tiefer in die untere Etage des Dungeon führen. 
Dialog im Dunkeln in der Hamburger Speicherstadt
Er sieht absolut nichts und fühlt sich hilflos und ausgeliefert. "Ein wahrer Dialog im Dunkeln", denkt sich Tobias. "Hier ist jemand", ruft Karsten. Zielstrebig steuert er auf einen Mann, der am Boden liegt, zu. "Euch schickt er Himmel", spricht eine Stimme, die Tobias nicht zuordnen kann. "Hey Paule, was treibst du denn hier unten für Spielchen"?, fragt ihn Karsten. "Ich stand auf der Leiter vor dem Sicherungskasten und habe das Gleichgewicht verloren. Jetzt habe ich mir den Fuß verstaucht", erzählt das Dungeonopfer aufgeregt. "Echt gefährlich hier", findet Tobias. Karsten übernimmt die Führung und Tobias hilft Paule, nach oben zu humpeln. 

Oben angekommen, atmen die drei erleichtert auf. "Ich brauch´jetzt ´n Bier", sagt Tobias. "Ab ins Gröninger", stimmt Paule zu. Karsten ist ebenfalls einverstanden. Der einsame Hafenspaziergang endet für Tobias in einer überfüllten Kneipe in Gesellschaft von Paule und Karsten. "Unerwartet und eigentlich ungewollt, aber wirklich spannend und irgendwie auch schön", denkt Tobias lächelnd. 




Autor: SH