Kurzgeschichte vom Hamburger Michel

GewitterRegen

Kurzgeschichte aus Hamburg

Der rote Touristen-Bus, mit dem wir auf den Michel zukamen, war bis auf den letzten Platz ausgefüllt. Langsam schoben wir uns über den Gang hinaus auf den großen Parkplatz vor die St. Michaelis Kirche. Eine ziemlich streife Brise kam vom Hafen herüber und vertrieb meine Müdigkeit.  Um mich herum sah ich eine Traube aufgeregter Touristen. Doch dann fiel mein Blick nach oben auf die Turmspitze des Michels  – dem Wahrzeichen Hamburgs.  Sie erinnerte mich an einen Helm, in dem sich etwas zu bewegen schien.

Sankt Michaelis Kirche, Michel, Hamburg
Die Reiseleiterin erzählte, dass die Turmspitze vor mehr als 250 Jahren vom Blitz getroffen und zerstört wurde. Später haben Handwerker den Turm  ganz ohne Gerüst wieder aufgebaut.  So viel Einsatz für eine Kirche  – das konnte ich mir nicht erklären.
Die anderen Touristen folgten der Reiseleiterin in das Kellergewölbe des Michels.  Mir war mehr nach frischer Luft zumute und so begab ich mich in die entgegengesetzte Richtung – auf den Turm. Zum Glück gab es einen Fahrstuhl, mit dem ich mich schnell auf eine Höhe von über 80 Metern befördern ließ. Oben angekommen, blieb mein Mund offen stehen. Die atemberaubende  Aussicht über Hamburg zog mich voll in ihren Bann. Vor mir lag der weite Hafen, daneben die alte Speicherstadt und die moderne Hafencity dahinter. „Hier kann man mal richtig tief durchatmen“, dachte ich und schloss für einen Moment die Augen. Die Geräusche der Stadt kamen hier nur gedämpft an. Das Kreischen der Möwen versetzte mich beinahe in Urlaubsstimmung, bis ein kühler Regentropfen  frech auf meiner Nase landete. Über mir zogen plötzlich dunkle Wolken auf und ich musste an den besagten Blitz denken. Ich lief schnell zum Fahrstuhl, aber er ließ mich im Stich. „Bestimmt drängeln sich gerade sämtliche Touristen in ihn hinein und blockieren ihn rücksichtslos“, nahm ich an. Eine leise Wut breitete sich in meinen Bauch aus. Der Regen wurde immer heftiger und auf einmal sah ich einen Blitz am Himmel – grell und unheimlich blendete er in meinen Augen. Ich riss die Tür auf und rannte so schnell ich konnte die mehr als 400 Stufen herab. Hinter mir hörte ich laut krachend den Donner. 
Unten angekommen, flüchtete ich mich in den Innenraum der Kirche. Hell und auf hanseatische Art elegant nahm mich das Kirchenschiff freundlich auf. Ich setzte mich erleichtert auf eine der vielen Bänke und genoss den wunderschönen Anblick dieser feinen Barockkirche.  
Der hohe Altar machte mich ganz ehrfürchtig. „War heute nicht sogar der 29. September, der Michaelistag?“, fragte ich mich. Schutzengel und Kämpfer gegen das Böse, so liest man ja über den Erzengel Michael. „Vielleicht schwebt er in diesem Augenblick über mir und beschützt mich“, stellte ich mir lächelnd vor.
Old Commercial Room Hamburg
Mit diesem Gedanken begab ich mich auf die andere Seite der englischen Planke, in den Old Commercial Room.  Vor mir saßen auch schon Uwe Seeler, Mary Roos, Uwe Ochsenknecht und Otto Walkes auf den vornehmen Stühlen dieses urigen Restaurants aus dem 18. Jahrhundert. Die Fotogalerie um mich herum bezeugte die prominenten Gäste stolz.  Ich bestellte mir ein deftiges Labskaus und dazu ein erfrischendes Alsterwasser. 
Erzengel Michael am Hamburger Michel
Von meinem Fenster aus konnte ich den Erzengel am Eingang zum Michel sehen. Wir schauten uns noch lange an.“ Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder – in Hamburg oder ganz weit weg“, überlegte ich später auf der Weiterfahrt in Richtung Sankt Pauli.